Innerstädtische Handelszonen: 10 Thesen für die Zeit danach

Veröffentlicht: 07. Mai 2020

Expertenmeinung | 07.05.2020

Der innerstädtische Handel, der seit vielen Jahren bereits von den peripheren Einkaufszentren bedrängt wird, hat sich in den letzten Jahren auch verstärkt dem Online-Shopping zu stellen. Und aktuell kommen auch noch die coronabedingten Einschränkungen und Komplikationen dazu, die wohl noch lange bleiben werden, das momentan eher unberechenbare KundInnenverhalten, und schließlich die üblichen Komplikationen mit uneinsichtigen ImmobilieneigentümerInnen, Denkmalschutz und so weiter. Corona ist somit ein massiver Verstärker für die Entwicklung der innerstädtischen Handelszonen, die längerfristig zwar gegen Online-Marktanteile verlieren werden, aber ihre Position gegenüber den peripheren Einkaufszentren zweifellos stärken können. Das Stadtmanagement ist nun mehr denn je gefordert ganzheitlich, gezielt und strukturiert zu handeln und die Stärken der Innenstädte endlich wieder mehr zu nutzen.

RegioPlan Consulting hat 10 Thesen formuliert, die die Konsequenzen des Wandels und mögliche Strategien für eine Innenstadt-Aktivierung andeuten.

 

These 1: Der Onlinehandel steigt sprunghaft

Aktuell gewinnt der Onlinehandel neue KundInnengruppen. In Zeiten, in denen es mit Gefahr verbunden ist, in ein Geschäft zu gehen oder es sogar verboten ist, probieren viele den Einkauf per Internet aus – und merken, wie bequem das ist. Aktuell geben die ÖsterreicherInnen 14 % ihrer Einkäufe online aus, in 3 Jahren werden es bereits über 20 % sein. Und die GewinnerInnen werden nicht die kleinen „lokalen und regionalen“ HändlerInnen sein, wie derzeit gern herbeigeschworen wird, sondern die großen, internationalen Pure-Player und globalen Market Places. In vielen Handelsbranchen kann daher die stationäre Fläche nicht mehr ertragreich bewirtschaftet werden, sie ist schlichtweg zu viel und überflüssig. Die Aufgabe ist daher, alternative Nutzungen zu finden, die die Handelszonen stärken.

These 2: Die Leerstände werden steigen

Derzeit haben die innerstädtischen Handelszonen eine Leerstandsquote von durchschnittlich 7 %, in drei Jahren werden es wohl über 9 % sein. Vielen MieterInnen ist es aufgrund der wirtschaftlichen Lage, dem steigenden Online Handel sowie einem verändertes Konsumverhalten nicht mehr möglich, in der Innenstadt ihre Waren wie gewohnt anzubieten. Die zu erwartenden Schließungen werden FilialistInnen und alteingesessene Betriebe gleichermaßen betreffen. Die sinnvolle Nachnutzung dieser „Zahnlücken“ ist in den meisten Fällen möglich, erfordert aber eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Standort und den KundInnenbedürfnissen.

These 3: Erreichbarkeit und Zugang müssen bequem sein

Innerstädtische Handelszonen hatten gegenüber den peripheren Shopping Centern und gegenüber dem Online Shopping schon immer einen gewichtigen Nachteil, nämlich die gebührenpflichtigen Kurzparkzonen. Gerade jetzt, wenn die KundInnen möglicherweise nur zögerlich einkaufen gehen, ist es notwendig, die Barrieren zu verringern. Das heißt speziell für kleinere Handelszonen kostenfreie Kurzparkzonen an strategisch wichtigen Stellflächen. Selbstverständlich sind der attraktive öffentliche Nahverkehr und die oft vernachlässigten Radwege – und zwar echte, die breit, bequem und sicher sind – genauso wichtig.

These 4: Gastronomie braucht Raum

Aktuell leidet die Gastronomie natürlich besonders unter den Auflagen durch Corona. In den Lokalen ist zu wenig Platz und die Maskenpflicht stört den Genuss. Die Bedeutung der Restaurants, Cafés und Bars für die Innenstädte wird jedoch ganz sicher auch in der Zukunft zunehmen, denn sie dienen immer mehr als Frequenzbringer und Treffpunkt für Menschen. Gastgärten und auch die Möglichkeit von Take-Away, um die Speise dann im geeigneten öffentlichen Raum zu konsumieren, wird zukünftig noch mehr gefragt sein. Nicht nur jetzt braucht die Gastronomie mehr Platz. Der öffentliche Raum sollte daher sehr großzügig und unkompliziert den Unternehmen zur Verfügung gestellt werden.

These 5: Magnetbetriebe müssen jedenfalls gehalten werden

Wie wichtig große Magnetbetriebe für eine Handelszone sind, hat gerade die Phase gezeigt, in der nur die Geschäfte < 400 m² offen halten durften: Die großen Leitbetriebe aus Bekleidung, Sport, Elektro oder Schuhe konnten keine Frequenzen schaffen, sodass viele kleine Geschäfte mangels Umsatzchancen gar nicht geöffnet hatten. Bestimmte großflächige Geschäfte können über das Schicksal einer (Handels-)Straße entscheiden. Attraktive Magnetbetriebe als Anziehungspunkte sind erfolgsentscheidend – aufgrund der wirtschaftlich angespannten Lage nun sogar verstärkter als vor der Coronakrise.

These 6: Veranstaltungen bleiben wichtig: große und auch ganz kleine 

Auf Grund der Beschränkungen und Schutzmaßnahmen sind viele Menschen vorsichtiger geworden und werden größere Veranstaltungen auch mittelfristig eher meiden. Doch es müssen nicht immer die großen Stadtfeste oder Konzerte sein, die die KundInnen bringen. Auch kleine Events und Attraktionen können mithelfen, den öffentlichen Raum wieder spannend zu machen. Neues, überraschendes, unerwartetes kann die KundInnen in die Innenstadt locken. StraßenkünstlerInnen, MusikantInnen, kleine Aufmerksamkeiten der Geschäftsleute, einfache Verkaufsstände, Verkostungen, kleine Events, Neuigkeiten, Überraschungen manchen die Stadt einladender. Der öffentliche Raum braucht generell weniger Verbote und wieder mehr Erlaubnisse!

These 7: Verschieden Zielgruppen brauchen verschiedene Angebote

KundInnen werden dort einkaufen, wo die Summe ihrer Bedürfnisse am besten befriedigt wird. KundInnen, die einkaufen kommen „müssen“ gibt es in Zeiten von riesengroßen Shopping Malls und Onlineshopping nicht mehr. Eine individuelle Anpassung des Angebots ist notwendig, damit die einzelnen Personengruppen kommen „wollen“. Und dazu braucht es oft ganz unterschiedliche Angebote und die müssen nicht unbedingt Handel sein. Voraussetzung ist, dass man die Bedürfnisse der Zielgruppen sehr gut kennt, um das Angebot optimal planen und steuern zu können.

These 8: Zusammenarbeit ist fundamental

Hochentwickelte Internet-Market-Places und straff gemanagte Shopping Malls fordern den dispersen innerstädtischen Handel zunehmend mehr. Die Weiterentwicklung und Optimierung von innerstädtischen Handelszonen ist jedoch auf Grund der unterschiedlichen Interessenslangen bedenklich komplex. Damit eine gedeihliche Entwicklung erfolgen kann, müssen alle wichtigen Stakeholder einer Stadt wie Handel, Politik, Tourismus, BewohnerInnen, InvestorInnen und viele andere an einem Strang ziehen und ein ganzheitliches und nachhaltiges Konzept unterstützen. Um eine gute Zusammenarbeit zu ermöglichen, ist eine zentrale Anlaufstelle wichtig. Hierbei kann ein „Kümmerer“, also eine kompetente Ansprechperson die Vernetzung und Kommunikation erleichtern.

These 9: Wohlfühlen wird wichtiger

Die innerstädtische Vielfalt umfasst auch ganz wesentlich Wohnen. Vielen Menschen wurde durch die Ausgangsbeschränkungen bewusst, wie wichtig es ist, auch im eigenen Wohnumfeld einen schönen Spaziergang machen zu können - ohne dabei auf Transportmittel zurückgreifen zu müssen. Konsumfreie gemütliche Plätze mit Aufenthaltsqualität, grünen Verweilmöglichkeiten und Erholungsflächen sowie breite Begegnungs- bzw. Fußgängerzonen sollten geschaffen werden. Öffentliche (und selbstverständlich kostenlose und saubere) Toiletten sind wichtig, etwa wenn die Gastronomie geschlossen hat. Auch einfache Freizeitmöglichkeiten in der näheren Umgebung sind gefragt. Ob an Feiertagen, Sonntagen oder aus anderen Gründen Geschäfte, Restaurants etc. geschlossen haben, möchten viele Menschen ihre Zeit dennoch außerhalb der eigenen Wände verbringen.

These 10: Alle sind online – nur nicht die Innenstädte…

Eine umfassende und kundenfreundliche Onlinepräsenz mit allen entsprechenden Serviceangeboten wird für innerstädtische Geschäftszonen künftig überlebensnotwendig werden. Während die erfahrenen Internetplayer von „Big Data“ und „Customer Journey“ reden, hat eine durchschnittliche österreichische Bezirkshauptstadt lediglich ein paar Firmennamen mit Adresse auf ihrer Website. Wenn sich 70 % aller KundInnen vor ihrem Einkauf online informieren, zeigt das die Bedeutung dieser notwendigen Online-Strategie von Einkaufszonen.

Die Vielfalt der Stadt ist die Stärke: Neben Handel sind es Freizeit, Kultur, Ambiente, Erholung, Entertainment, Geselligkeit, die das Internet und die monofunktionalen Einkaufszentren nicht oder nur sehr beschränkt anbieten können. Oft gilt es nur, diese Stärken wieder zu entdecken und für einen Erfolg für alle zu nutzen. Die kommenden Wochen werden das nächste Jahrzehnt maßgeblich beeinflussen und die Dynamik einer Stadt und ihren Handelszonen bestimmen.


RegioPlan Consulting

Mit über 30 Jahren Erfahrung und vielen Projekten mit InvestorInnen, GastronomInnen und EinzelhändlerInnen, wissen wir wie diese denken, was sie brauchen und warum sie sich für oder gegen einen Standort entscheiden. Wir verstehen die Zusammenhänge in einem komplexen Gebilde, wie einer innerstädtischen Handelszone. Dadurch können wir Ihnen diverse Möglichkeiten (von Workshops bis zu Analysen und Vernetzungen mit potenziellen ExpansionsleiterInnen von HändlerInnen und Gastronomiebetrieben) bieten, um Ihre innerstädtischen Zonen an das neue KundInnenverhalten anzupassen.

Bei Fragen oder für Terminvereinbarungen stehe ich Ihnen jederzeit gerne zur Verfügung.

Herzliche Grüße,

DI Ines Delic

Head of Account Management
RegioPlan Consulting GmbH

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